Leitsymptome des Parkinson-Syndroms
Bradykinese: Bewegungsverlangsamung
Hypokinese: Verminderung der Bewegungsamplitude und der Spontanbewegungen
Akinese: (wörtlich: „kleine Bewegung) Hemmung der Bewegungsinitiierung
Ruhetremor (ein Haltetremor kann auch aufkommen, ist aber nicht charakteristisch)
Rigor (gleichmäßige Steigerung des Muskeltonus)
Haltungsinstabilität, die nicht primär durch visuelle, vestibuläre oder propriozeptive Störung erklärbar ist.
Weitere Symptome:
Verlangsamung der Bewegungen, z.B. beim Gehen, Essen etc
Stimmungsschwankungen
Allgemeines Steifigkeitsgefühl, z.B. steife Arme oder Beine
Schmerzen / Gliederschmerzen
Verminderte Geschicklichkeit, z.B. Schwierigkeiten beim Schreiben oder beim Auf- und Zumachen von Knöpfen
Benommenheit / Panikattaken
Muskelkrämpfe, z.B. Arme, Beine oder Füße
Freezing (plötzliches Einfrieren der Bewegung)
Axiale Haltungsstörungen
Gangbild ist kleinschrittig und von ausgeprägten Startschwierigkeiten und Blockaden
Inkontinenz
Gleichgewichtsstörungen durch Gangschwierigkeiten bzw. –unsicherheiten, auch Schwindel, es kommt zu Stürzen, typischerweise nach hinten
On-Off-Phänomen: „On“ für gute Symptomkontrolle wie Beweglichkeit, „Off“ für schlechte Symptomkontrolle wie Unbeweglichkeit
Sensible Symptome:
Minderung des Geruchssinns (Hyposmie)
Missempfinden
Schmerzen besonders an Gelenken und Muskeln
Vegetative Störungen:
ein Salbengesicht (fettglänzende Gesichtshaut)
im fortschreitenden Krankheitsstadium kommt es zu Kreislaufregulationsstörungen. Nicht selten ist der Blutdruck im Liegen erhöht und sackt dann in aufrechter Körperhaltung ab
Blasenfunktionsstörungen
Sexuelle Dysfunktionen sind häufig und treffen in der Regel die Libido
Bewegungsstörungen des Magen-Darm-Trakts
Temperatur-Regulationsstörungen, verminderte Hitzetoleranz durch eine Störung des reflektorischen Schwitzens und der reflektorischen Gefäßerweiterung bei Wärme
Training
Von Beginn an sollte regelmäßig Krafttraining, Gleichgewichtstraining, Ausdauertraining auch im Rahmen komplexer motorischer Aktivität durchgeführt werden.
Joggen, Radfahren etc für ein Ausdauertraining, Tai chi chuan, Karate, Boxen, Tanzen für komplexe Bewegungsabläufe mit großer Bewegungsamplitude. Durch das regelmäßige Training wird die Schlafqualität und die kognitive Fähigkeiten verbessert.
Tai Chi Chuan und Karate
Diese fernöstliche Bewegungskünste bestehen aus Gesundheitsübungen, Meditation und Kampfkunst. Beides ist charakterisiert durch bewusstes, gezieltes und koordiniertes Bewegen des ganzen Körpers. Es entsteht ein Bewegungsfluss, der sich in ein festes Timing mit Start und Ende der einzelnen Bewegungselementen trägt, sodass sich eine Bewegung jeweils aus der vorherigen ergibt. Dies kann als Chaining (chain=Kette) oder mentales Cueing bezeichnet werden.
Um die Komplexität der Bewegungen für Parkinson-Patienten besser trainierbar zu machen, löst man einzelne Figuren und Bewegungselemente aus der Gesamtform heraus. Diese werden in hoher Wiederholungsform einige Wochen isoliert geübt.
Ausgewählt werden dabei Bewegungselemente, die Schrittfolgen- und Richtungswechsel, Gewichts- und Schwerpunktverlagerungen mit gleichzeitig ablaufenden koordinativen Arm- und Rumpfbewegungen beinhalten.
Bei regelmäßigem Training erzielt man neben deutlichen Verbesserungen korrektiver und proaktiver Gleichgewichtsleistungen auch eine Reduzierung der Sturzrate.
Korrektive Gleichgewichtsleistungen werden auf der gleichen Unterstützungsfläche erbracht, proaktive Leistungen gehen mit einer geplanten Schwerpunktverlagerung und geänderter Unterstützungsfläche einher. Die mit Kraft- und Ausdauerleistungen assoziierten Gangparameter, Schrittlänge und Gehgeschwindigkeit profitieren ebenfalls davon.
Die Bewegungsformen des Karate sprechen mehrere Bereiche an: Beweglichkeit, Koordination und Gleichgewicht werden gestärkt, indem gezielte Schritte und Drehungen geübt werden.
Wahrnehmung und Denken wird gefördert, da Karate den ganzen Körper anspricht und beide Gehirnhälften zusammenarbeiten müssen. Gezielte Bewegungen mit großer Amplitude, Hüftdrehungen, Wendungen werden geübt und taktil begleitet.
Tanzen
Das Training gangabhängiger Parameter profitiert von rhythmischer Musik. Die Gehgeschwindigkeit verbessert sich dabei mehr als bei anderen Trainingsansätzen. Für eine Optimierung der Gleichgewichts- und Ausdauerleistung ist Tanzen effektiv.
Der argentinische Tango ist hier einem Walzer oder Foxtrott leicht überlegen. Die Krankheitsprogression verringert sich und das Gleichgewicht, Freezing sowie Gehfähigkeit unter Dual-Task-Bedinungen verbessert sich.
Haltung
Nicht aufrecht stehen und gehen zu können erschwert die Alltagsaktivität, wie das Tragen von Gegenständen oder Treppensteigen und es verkürzt die Gehstrecke, die bewältigt werden kann. Die beeinträchtigte Rumpfkontrolle erhöht die Sturzgefahr bei Parkinsonpatienten zusätzlich. Die meisten Patienten stürzen, weil sie unfähig sind, den Körperschwerpunkt beim Drehen, Aufstehen und Bücken zu kontrollieren.
Training: Axiale Rumpffehlhaltungen können durch Ausdauer- und Krafttraining der betroffenen Muskulatur, einschließlich Dehnung der Antagonisten verbessert werden. Das Training der Muskulatur sollte dabei gegen die Schwerkraft erfolgen. Bei schweren Haltungsstörungen ist zusätzlich der Einsatz von Hilfsmitteln notwendig.
Symmetrie- und Haltungsschulung (Perzeptionstraining) unter Einsatz von visuellen und taktilen Feedback (z.B. Spiegel bzw Berühren, Anlehnen an der Wand etc) sind ein weiterer Behandlungsschwerpunkt.
Ein Ausdauer- und Krafttraining der Rückenextensoren in Verbindung mit Erhalt ventraler Muskellängen durch muskuläre Entspannung und Dehnung verbessert die Haltung. Auch ein intensives Training der Hüftextensoren in Verbindung mit Perzeptionstraining (Wahrnehmung der Sinne) und der Wahrnehmung der eigenen Haltung unter Einsatz taktiler und visueller Feedback-Mechanismen hat sich bewährt. Es können verschiedene Hilfsmittel wie Rucksack oder Korsett die Vertikalisierung des Oberkörpers verbessern und während des Gehens im Alltag wird der Rückenstrecker gekräftigt.
Mit aufrechter Haltung wird die Gehstrecke verlängert, die Atmung erleichtert und Rückenschmerzen werden reduziert.
Freezing und motorische Blockaden
Motorische Blockaden unterbrechen Bewegungsabläufe oft plötzlich und können zu einem vollständigen Bewegungsstopp führen. Dieses Phänomen wird auch Freezing (engl. freezing=einfrieren) genannt. Es ist ein Unvermögen, über mehrere Sekunden hinweg eine effektive Schrittbewegung zu generieren.
Ausgelöst wird freezing am häufigsten bei Körperdrehungen oder am Bewegungsbeginn. Räumliche Enge, Stress oder Ablenkung können freezing ebenfalls provozieren.
Hilfe zur Überwindung von Startverzögerung und Freezing:
Motorisch:
Verlagerung des Körpergewichts
Seit- und rückwärtsgehen
Aufstampfen und Schütteln des Fußes
Marschieren
Verbale und auditive Stimuli:
rhythmische Kommando
Startbefehl
Händeklatschen
Metronom, Musik
Visuelle Stimuli:
Objekte überschreiten
Anti-Freezing-Stock
Fuß der Begleitperson
Markierungen
Streifen auf dem Boden
Laserpointer
Bodenstruktur
Vorwärtsdrängen ist nicht wirksam, es verstärkt die Blockierung und das Sturzrisiko, da die Füße dem nach vorne strebenden Oberkörper nicht folgen. Durch gezieltes Training kann der Betroffene lernen, das Gewicht erst nach hinten auf die Fersen zu verlagern, um dann bewusst den nächsten Schritt zu machen.
Cueing
Cues sind Signale, die den Anstoß zur Bewegung geben und das stetige Beibehalten von Bewegungen unterstützen. Äußere Hinweisreize bzw. externe Cues tragen zur Verbesserung des Gangbildes bei. Als Modalitäten stehen akustische (Metronom, Zählen, Klatschen…), visuelle (Laserpointer, horizontale Streifen auf der Gehstrecke…), taktile (Klopfen auf die Schulter oder Oberschenkel…) und mentale Cues (Bewegungsvorstellung) zur Verfügung.
Visuelle Cues unterstützen vor allem Schrittinitiierung und Schrittlänge, akustische Hinweisreize unterstützen besonders die Gehgeschwindigkeit.
LSVT BIG
Schwerpunkt von „BIG“ ist das gezielte üben von Bewegungen mit großer Amplitude (Umfang), Atmung, eigenes Zählen, und akustischen Cues wie mit den Händen auf die Oberschenkel klopfen und Stampen.
Es trägt zur Verbesserung von Geschwindigkeit und Bewegungsausmaß bei Patienten mit parkinsontypischer Verlangsamung und Verkleinerung der Bewegungen („Bradykinese“) bei.
Durch intensives Wiederholen und ständige Erfolgskontrolle bewirkt BIG, dass Patienten wieder auf ungenutzte Bewegungsmöglichkeiten zugreifen und diese bewusst im Alltag einsetzen können.
Geichgewicht und Stürze
Gleichgewichtserhaltung erfordert schnelle und adäquate Muskelkontraktion. Die verminderte Balance ist eine Folge der Brady- bzw. Hypokinese, der zu langsamen und unkoordinierten Muskelkontraktion. Erhöhtes Lebensalter, Muskelschwäche und Muskelverkürzungen wirken sich ebenfalls negativ auf das Gleichgewicht aus, wie auch Freezing, massive Haltungsstörungen, kognitive Defizite, reduzierte Kraft der Knieextension.
Stabilität während des ruhigen Stehens lässt sich auf kleinen bzw. labilen Unterstützungsflächen und ohne Festhalten oder durch Körperschwerpunktverlagerung bis an den Rand der Unterstützungsfläche trainieren.
Gezieltes Training antizipatorischer Anpassung erfolgt im Stand durch Schrittkombinationen in alle Richtungen. Zudem werden dynamische Gleichgewichtsleistungen in Fortbewegung geübt.
Für dynamisches Gleichgewichtstraining müssen schnelle und häufige Richtungswechsel in das Gehtraining eingebaut werden. Unterstützend kann dies auf einem Laufband geübt werden, durch gehen in alle Richtungen ohne Festhalten, aber mit Gurtsicherung. Zusätzliche motorische Aufgaben wie das Tragen von Gegenständen, Einschränkungen der visuellen Kontrolle durch Kopfbewegungen oder das Überschreiten von Hindernissen kann geübt werden. Zur Verbesserung des Gleichgewichts werden Seitwärts- oder Ausfallschritte, Verlagerungen des Körperschwerpunktes, Stehen und nach Gegenständen greifen oder Zehen-, Fersen- und Liniengang geübt.
Die Kraft der Beinmuskulatur trainieren die Teilnehmer in Zehen- und Fersenstand, bei Kniebeugen auch im Einbeinstand, durch Aufsteigen auf Stufen, vorwärts- bzw. seitwärts.
Komplexe, automatisierte Bewegungsabläufe werden in festgesetzten Reihenfolgen geübt. Vorher wird die Bewegungssequenz mental vorbereitet.
Das aktive Training von Flexion, Extension, Lateralflexion und Rotation der Wirbelsäule führt zu schnellerem Drehen, auch in Rückenlage im Bett und somit auch zu rascherem Aufsetzen auf die Bettkante. Visuelles Feedback (Spiegel) über die Schwerpunktverlagerung und gleichzeitig ein akustischer Cue führen zu einer schnelleren Balance und zu zügigeren Bewegungsabläufen.
Kognitives Training
Bewegungsabläufe im Training werden immer wieder in gleicher Reihenfolge aufgebaut und geübt, bis eine Kette der Übungen entsteht (tai chi, Karate (Kata), Tanzen (Schrittfolge).
Der Patient wird ermutigt, auch zu Hause diese Schrittfolge zu üben, auch wenn nur mental der Ablauf wiederholt wird.
Entspannung
Zur Erleichterung des Umgangs mit krankheitsbedingtem Stress, zur Bewältigung von Schmerzen und Ängsten können Entspannungstechniken eine emotionale Stabilisierung bewirken. Bei Morbus Parkinson hat sich die Progressive Muskelentspannung (PME) nach Jacobsen bewährt. Bei diesem Verfahren wird die gezielte An- und Entspannung verschiedener Muskelpartien geübt. Der Patient lernt, einzelne Muskelpartien auch in alltäglichen Situationen entspannen zu können. Der Vorteil liegt im direkten Ansatz an der Motorik. Körperpartien mit ausgeprägten Rigor sollten zur Vermeidung verstärkter Muskelspannung nur mental geübt werden.
Autogenes Training kann ebenfalls von Patienten mit Parkinson praktiziert werden.
Bei schweren Depressionen, Angstzuständen oder akuter psychotischer Symptomatik wird erst im Einzelnen geprüft und vom Arzt die Zustimmung zu den Entspannungsverfahren gegeben.
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